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Qualitätszirkel

Informelles Lernen auf Augenhöhe

Gemeinsam und voneinander lernen: Dies praktiziert die VR Bank Südpfalz in einem regelmäßigen Qualitätszirkel der kompletten Führungsmannschaft. Und das mit großem Erfolg.

Eine hohe Qualifikation der Führungsmannschaft ist von enorm hoher Bedeutung. Sie entscheidet über die Personalentwicklung, die Produktivität der Mitarbeiter und über das Betriebsklima. In den meisten Betrieben ist man sich dessen bewusst und investiert in die Weiterbildung für Führungskräfte: weg vom Chefgehabe hin zu einem professionellen Umgang mit den Mitarbeitern. Gleichzeitig stellen die Bildungsanbieter ein wachsendes Angebot an hochwertigen Weiterbildungsmöglichkeiten zur Verfügung – mal als Lerneinheit in einem Präsenzseminar, mal als jobbegleitendes E-Learning, je nach Neigung und Budget.

Eine Führungskraft ist jedoch kein einsamer Wolf. Er oder sie hat nicht nur sein Team um sich – sondern ist Teil eines Interaktions- und Kommunikationsnetzwerks: Die meisten befinden sich in der Regel mit Kollegen auf der selben Karrierestufe, die alle mit ähnlichen Jobsituationen, Herausforderungen und Problemen zu tun haben. Warum also nicht gemeinsam und voneinander lernen?

Fragen und Probleme des Arbeitsalltags reflektieren

Bei der VR Bank Südpfalz nutzt man seit 2015 diese Form des informellen Lernens intensiv – in Form eines Qualitätszirkels. Dort trifft sich die gesamte Führungsmannschaft des Unternehmens ein Mal pro Quartal, um Fragen und Probleme ihres Arbeitsalltags zu reflektieren – moderiert, wohlgemerkt. Die VR Bank Südpfalz richtete das regelmäßige Meeting neben zahlreichen Coaching-Maßnahmen im Interesse einer nachhaltigen Qualitätssicherung ein. Konkretes Ziel: Durch die aktive und gemeinsame Arbeit an den Herausforderungen jedes Einzelnen soll die Führungskultur und der Umgang miteinander verbessert werden.

„Die Idee zum Qualitätszirkel Führung wurde aus der Erkenntnis geboren, dass wir eigentlich keine neuen ‚Instrumente’ der Qualitätssicherung brauchen, sondern ein kontinuierliches und systematisches Leben und Weiterentwickeln unserer vorhandenen Instrumente“, sagt Annette Arand, Führungskräftecoach der VR Bank Südpfalz. Diesen Eindruck hatte sie aus zahlreichen Eingangsgesprächen bei ihrem Start beim Unternehmen gewonnen.

„Jeder zieht das, was er braucht, aus dem Qualitätszirkel raus – und seien es nur die Kontakte zu den Kollegen.“

Annette Arand, Führungskräfte-Coach

Im Qualitätszirkel ist nach Arands Worten Raum für Bedarfsmeldungen und -planungen, Maßnahmenkonzepte, Feedback, Erfahrungsaustausch, kollegiale Fallberatung und Praxistransfer. „Ergänzt wird dies durch die Möglichkeit, die jeweiligen Inhalte durch mich zusätzlich „on the job“ bei der Umsetzung zu begleiten“, sagt Arand. Oder simpel ausgedrückt: „Dinge einfach machen.“

Die ersten Reaktionen waren gemischt. „Natürlich gibt es immer einen Teil Führungskräfte, die solchen Dingen aufgeschlossen gegenüberstehen, und einen Teil, die skeptisch waren“, sagt Arand. Einige hätten sich am Anfang eher kritisch geäußert: „Lasst uns lieber arbeiten anstelle zu reden.“ Doch diese Vorbehalte hätten sich gelegt. „Inzwischen denke ich, dass fast alle gern kommen. Jeder zieht sich das raus, was er gerade brauchen kann – und sei es „nur“ der Kontakt mit Kollegen die man sonst nicht sieht.“

Skepsis gab es auch beim Thema Vertrauen: Welche Rolle spielt mein interner Führungskräftecoach – nämlich Annette Arand? Wie weit möchte man sich öffnen gegenüber Kollegen auf der gleichen Führungsebene? „Nachdem wir seit Anfang 2015 kontinuierlich drangeblieben sind, sind diese Vorbehalte inzwischen alle verschwunden“, sagt Arand zufrieden.

Doch wie sieht der Qualitätszirkel in der Praxis aus? „Meist sitzen wir in einem Stuhlkreis in unserem Schulungszentrum – oft an kleinen Gruppentischen – zusammen“, sagt Arand. Kürzlich habe man ein Theater besucht:  Der Qualitätszirkel bearbeitete nämlich das Thema „Rolle und Drehbuch und eigene Story“ – eine Praxisexkursion also. Unterm Strich funktioniert der Zirkel „eher locker – aber immer mit Impulsthema und von mir moderiert“. Moderation ist also wichtig. Damit setzt Arand den Rahmen, in dem die Führungskräfte die Fragen der täglichen Führungsarbeit diskutieren und weiterentwickeln.

Für manche Führungskraft ungewohnt: Diskussionen führen, Fehler eingestehen, Defizite erkennen

Bei jedem Treffen gibt ein anderes Thema den Anfangsimpuls, die folgende Diskussion baut darauf auf, so dass sich eine spannende Dynamik entwickeln kann. Für manche Führungskräfte ist diese Art der Auseinandersetzung sicherlich nicht alltäglich: Diskussionen führen, Fehler eingestehen, Lerndefizite erkennen, Kritik verkraften – und dies auch noch vor Kollegen der gleichen Ebene.

„Alphatiere“ sind von sich überzeugt. Und das müssen sie auch, wenn sie führen sollen. „Hier gab es definitiv Veränderungen“, erinnert sich Arand. Man arbeite in diesem Format mit Kleingruppen und mit kollegialer Beratung. „Da kommt man sich auf ganz andere Weise näher. Das Verständnis für die Arbeit der Kollegen wächst nebenbei.“ Wichtig sei außerdem, dass die Führungskräfte ihr als Coach vertrauten. „Und das funktioniert nach all der gemeinsamen Zeit ausgezeichnet.“

Begleitend zum Qualitätszirkel werden natürlich ergänzende Weiterbildungsmaßnahmen für die Führungskräfte durchgeführt. „Dies passiert immer wieder, je nach Bedarf“, so Arand: In der Vergangenheit habe sich das Problem gestellt, dass alle Einzelmaßnahmen immer wieder neu mit unserer Führungskultur verzahnt werden mussten. „Auch neue Kollegen mussten mit unserer Führungskultur vertraut gemacht werden. Heute passiert dies mit dem Qualitätszirkel fast nebenher.“ Von Bedeutung sei zusätzlich, so Arand, sich die Zeit zu geben, um aus den Erfahrungen zu lernen – und so eine echte „Austauschplattform“ zu schaffen.

Ein halber Tag pro Quartal mit großer Wirkung

Praktisch gesehen kostet der Qualitätszirkel jede Führungskraft lediglich einen halben Tag Zeit pro Quartal. Dafür erhält jeder Teilnehmer einen Mix aus Fachinput, Methodenkompetenzen, Austausch und Feedback – und die automatische Pflege persönlicher Kontakte im Unternehmen. Man spricht also eine „gemeinsame Sprache“, mit der sich die Führungsmannschaft auf Augenhöhe begegnet. Gleichzeitig werden so Führungsstandards neu geordnet und laut Arand dem Thema „Fairness“ mehr Raum gegeben. Wie jeder diese Eindrücke reflektiert, bleibt ihm überlassen.

Für die Firmenkultur selbst jedoch wurden nachhaltige Verbesserungen erreicht: Beim Thema Konflikte wurde etwa im Sondermodul „Kritikgespräche“ ein verbindlicher Rahmen festgelegt, mit dem man künftig als Führungskraft damit umgehen soll. Auch aus Mitarbeitergesprächen kann Arand viel positives Feedback verzeichnen. Gerade bei den Themen Lob und Kritik stellten Mitarbeiter eine Verbesserung im Umgang seitens der Führungskräfte fest.

Keine Frage: Der Qualitätszirkel wirkt. „Durch das Sensibilisieren für die besprochenen Themen entwickeln die Führungskräfte automatisch mehr Achtsamkeit. Einer meiner Lieblingssprüche ist „Interesse steuert Wahrnehmung“. Wenn ich einen ganzen Vormittag über Anerkennung gesprochen habe, dann denke ich eher dran, meinen Mitarbeiter mal richtig zu loben“, so Arands Resümee.

Der Qualitätszirkel ist inzwischen für die Teilnehmer weitaus mehr als nur eine lästige Pflicht. Stattdessen sei die Runde „immer vollbesetzt“, so Arand. „Durch den Austausch innerhalb der Führung ist das Vertrauen und das Verständnis innerhalb der Führungsmannschaft signifikant gewachsen“, stellt Arand fest. Übrigens gibt es bei der VR Bank Südpfalz auch auf der Mitarbeiterebene eine Art „Qualitätszirkel“: die „Kompetenzwerkstatt Markt oder Vertrieb“ sowie verschiedene fachspezifische Qualitätszirkel zu einzelnen Fachthemen.

Zur Person

Annette Arand, Diplom-Betriebswirtin, ist seit 2014 bei der VR Bank Südpfalz als Führungskräfte-Coach tätig. In dieser Funktion betreut und moderiert sie den Qualitätszirkel des Unternehmens seit 2015.