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Man lernt nie aus

Lebenslanges Lernen im digitalen Zeitalter

Lebenslanges Lernen ist im digitalen Zeitalter von hoher Bedeutung – gerade am Wissensstandort Deutschland. Welche Konsequenzen hat dies für Mitarbeiter und Unternehmen?

Es ist ein brennend aktuelles Thema: „Lebenslanges Lernen“ wird auf zahlreichen Bildungsplattformen diskutiert, die Bundesagentur für Arbeit hat gerade in Düsseldorf ein „Beratungszentrum für lebenslanges Lernen“ eröffnet. Dabei ist das Stichwort wirklich nicht neu: 1962 tauchte der Begriff „Lebenslanges Lernen“ erstmals auf. Bei der Unesco-Konferenz in Hamburg wurde – noch in einer englischsprachigen Version „Lifelong Education“ – die Vision vorgestellt, der Mensch könne durch lebenslanges Lernen seinen persönlichen Lebensweg besser gestalten und so mehr Selbstbestimmung erlangen. Information statt Revolution also.

Mit der Digitalisierung wird nun Lebenslanges Lernen mehr postuliert denn je. Denn: Die Arbeitswelt verändert sich dramatisch. Das seinerzeit für einen Ausbildungsberuf Gelernte reicht auf Dauer nicht, die inhaltlichen Anforderungen des Jobs zu erfüllen.

Ganze Berufsbilder fallen weg, es entstehen neue Berufe

In einer Weiterbildungsstudie der Vodafone-Stiftung von 2017 werden die Veränderungen klar umrissen: Verschiedene Tätigkeiten, ja ganze Berufsbilder fallen weg und werden ersetzt durch völlig neue Berufe. Dieser Wandel „schafft einen hohe Lernbedarf bei den Mitarbeitern“, so die Autoren, da sich die Arbeit jedes Einzelnen verändern werde. Angesichts der rasanten Entwicklung von beruflich genutzten Kommunikationsmitteln, Arbeitsweisen und Prozessen, so heißt es weiter, „ist die Notwenigkeit für betriebliche Bildungsprozesse für alle Mitarbeiter offensichtlich“.   

Der Mitarbeiter der Zukunft braucht Lernwillen und Veränderungsbereitschaft

Für die Vodafone-Studie wurden 10.000 betriebliche Mitarbeiter in Deutschland befragt. 98 Prozent geben zwar an, dass sie sich der Bedeutung des Lernens in unserer sich verändernden Arbeitswelt bewusst seien. In der Studie heißt es auch: „Allerdings geht ein knappes Viertel der Befragten davon aus, dass es keine Konsequenzen hat, wenn sie sich nicht fortbilden.“

Hat es jedoch. Lebenslanges Lernen geht heute alle an – auch die, die sich im letzten Quartal ihres Arbeitslebens befinden. „Zahlreiche Studien zeigen, dass – abhängig vom Fachgebiet – ein Großteil des Wissens nach zwei bis fünf Jahren schon wieder veraltet ist“, sagt Bildungsexpertin Anne Dreyer. „Aktuelle Kenntnisse und Fähigkeiten zu besitzen, die für den Arbeitgeber heute und in den nächsten Jahren attraktiv sind, ist für jeden Mitarbeiter ganz entscheidend, wenn er seinen Job längere Zeit behalten und gut erfüllen möchte.“ Es gibt ihn also nicht mehr, den Job, den man vom Eintritt ins Unternehmen an behält, solange man keine silbernen Löffel stiehlt. Der Mitarbeiter braucht nun neben seiner Qualifizierung und seiner Arbeitsenergie zwei weitere Eigenschaften: Lernwillen und Veränderungsbereitschaft. Dreyer rät: „Bekommt er Lernmöglichkeiten vom Unternehmen gestellt, sollte er diese auf jeden Fall annehmen. Bekommt er kein Training vom Unternehmen, kann er auf dem freien Bildungsmarkt nach passenden Weiterbildungen schauen.“ Selbst, wenn es „nur“ die Volkshochschule ist.

Informelles Lernen am Arbeitsplatz gewinnt an Bedeutung

Aber auch Unternehmen sind beim Thema „Lebenslanges Lernen“ gefragt. Ein Unternehmen, so Dreyer, müsse sich aktiv darum kümmern, dass das Wissen der Mitarbeiter auf dem neuesten Stand bleibe. Zum einen durch Recruiting neuer Mitarbeiter, die die nötigen Kenntnisse und das digitale Mindset idealerweise schon mitbringen. Zum anderen durch die intensive Betreuung bestehender Mitarbeiter: „Hier kann das Unternehmen formale Lernmöglichkeiten schaffen und zum Beispiel Trainings, eLearnings, Workshops oder ähnliches anbieten.“

Von hoher Bedeutung ist auch das informelle Lernen in der Firma. Das kann Praxisaustauschs unter Kollegen durch Maßnahmen wie (Reverse) Coaching, Projektarbeit oder Co-Location betreffen, oder aber beim Einzelnen die Lust auf Weiterentwicklung in seinem Jobprofil zu steigern. Positiver Effekt: Je besser und häufiger neue Inhalte am eigenen Arbeitsplatz verlangt werden und je mehr Lernaufgaben direkt im Arbeitsalltag übernommen werden können, desto intensiver und praxisnaher funktioniert dann der Wissensaufbau.

Lebenslanges Lernen hat jedoch noch eine weitere Dimension. „Es sollte ein gesellschaftlicher Wert sein, der allgemein anerkannt ist“, so Dreyer. „Das gilt auch und vor allem für berufliche oder berufsnahe Inhalte und Fähigkeiten. Bis heute ist die berufliche Bildung aber im Vergleich zur Allgemein- oder Hochschulbildung noch immer zweite Klasse“, bedauert sie. Ihre Vision: „Verbessert sich die Wertigkeit berufsbezogener Abschlüsse und Qualifikationen, steigt vielleicht die Teilnahmebereitschaft in allen Beschäftigtenklassen weiter an. Reagiert das soziale Umfeld positiv auf eine Weiterbildung, kann das deutlich zum Lernerfolg beitragen.“

Deutschland muss bei der Innovation stark bleiben

Deutschland ist als Wissensstandort, wie die Vodafone-Studie betont, beim digitalen Wandel besonders gefordert: „Das höchste Gut hier ist Innovation.“ Sicherlich sind die Grundbedingungen bei uns gut: Kostenlose Schulbildung bis zur Hochschulreife, einzigartig und bewährt das duale Berufsbildungssystem, eine Hochschullandschaft, die mit der Umstellung auf Bachelor und Master international anschlussfähig geworden ist – Deutschland ist prima aufgestellt. „Im Bereich der Weiterbildung – also nach der abgeschlossenen Erstausbildung – liegt der Großteil der Angebote jedoch in privatwirtschaftlicher Hand“, sagt Dreyer. Die Erfahrung zeigt, dass das gut funktionieren kann, da private Bildungsanbieter wesentlich schneller auf den Bedarf der Kunden reagieren können und so passende Trainingsangebote bieten. Die Konkurrenz auf dem Markt wirke sich zudem für den Lernenden positiv auf das Preisgefüge aus. Bei den Universitäten sieht Dreyer jedoch Nachholbedarf: „Akademische Weiterbildung, die kein klassischer Studiengang ist, sondern zielgerichtet Fachwissen ergänzt, ist noch selten. Hier benötigen wir mehr Flexibilität und mehr Nähe zum Lernenden.“

Die Demografie verringert das Erwerbspersonal um 3,6 Millionen

Zeitgleich mit der Digitalisierung kommt eine weitere dramatische Veränderung in der Arbeitswelt in den kommenden Jahren zum Tragen – der demographische Wandel. Die Zahlen sprechen hier eine klare Sprache: Das Erwerbspersonal in Deutschland wird laut einer Prognose der Bundesagentur für Arbeit bis 2030 um 3,6 Millionen Erwerbstätige verringert. Wer soll nun die – weitaus höher qualifizierte – Arbeit künftig verrichten?

Die Vodafone-Studie nennt als Alternativen eine Frauenerwerbsquote oder eine Erhöhung des Rentenalters – oder eine generelle Erhöhung der Produktivität. „Generell kann heute jede Frau, die arbeiten möchte, dies auch tun. 71 Prozent der Frauen sind heute schon berufstätig. Mit Kindern wird dies aber mitunter zur Herausforderung, wenn die Betreuung tagsüber nicht möglich oder nicht bezahlbar ist“, so Dreyer.

Frauen, die mit Kindern berufstätig sind, arbeiteten zu 45 Prozent in Teilzeit. Hier könnte ein Ansatz sein, diesen hohen Teilzeitanteil von offensichtlich für den Markt attraktiven Arbeitskräften, die bereits in Beschäftigung sind, zu verringern – ihnen also Vollzeittätigkeiten zu ermöglichen. Das ginge durch bessere Kinderbetreuung, flexibleren Wechsel von Teil- zu Vollzeit oder eine flexible Gestaltung der Arbeitsstunden.

Die spätere Rente hat Vorteile und Nachteile für die Gesellschaft

Beim Thema „spätere Rente“ hebt Dreyer den Umstand hervor, dass zahlreiche ältere Mitarbeiter heute noch fit sind – besonders in Berufen ohne körperliche Belastungen. Und: Viele wollen noch arbeiten. „Da liegt der Schluss nahe, diese so lang wie möglich im Arbeitsleben zu behalten“, sagt Dreyer. „Vorteile für den Einzelnen wären ein längeres, erfülltes Berufsleben, sinnstiftende Tätigkeit und das Gefühl, gebraucht zu werden. Zudem kann so ein Rentenabschlag vermieden werden.“

Vorteile für die Unternehmen: mehr Erfahrungsschatz, weniger Neueinstellungen. Andererseits, so räumt Dreyer ein, würden dadurch auch Arbeitsplätze „blockiert“, die sonst für junge Arbeitnehmer zur Verfügung stünden.

Es gibt also anscheinend keinen Königsweg. Der Ansatz, auf gesellschaftlich breiter Ebene Lebenslanges Lernen zu praktizieren und populär zu machen, ist vermutlich der beste. Vielleicht sollte man Weiterbildung auch einfach nicht nur als lästige Pflicht sehen: Lernen kann Spaß machen! Und: „Früher war Weiterbildung Luxus und oft unnötig, weil Lehre oder Studium ein Wissen vermittelten, das sich im Berufsleben kaum geändert hat“, sagt Dreyer.  Nicht zuletzt bieten Internet & Co. heute andere, leichtere Möglichkeiten zum Lernen: bessere Suchmechanismen und damit schnelleres Finden von Informationen, praktische Lernsettings wie mobiles Lernen – und damit ein kontinuierlicheres Lernen, das noch näher an der Praxis ist. Wie das Sprichwort sagt: Man lernt nie aus.