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Blended Learning

"Weiterbildung ist kein Fotoapparat"

Blended Learning in der Führungskräfteentwicklung: Wie man beim Technologiekonzern RICOH DEUTSCHLAND GmbH konventionelle Trainingselemente mit E-Learning effektiv und kostenschonend ergänzt.

Digitalisierung ist im Bildungsbereich derzeit ein großes Reizwort. Digital bedeutet für viele innovativ – aber ist dann analog gleich altmodisch?

Eine irreführende Frage. Denn Weiterbildung ist kein Fotoapparat, bei dem man sich für ein technisches System entscheiden muss. Konventionelle Lehrmethoden haben ebenso ihre Vorteile wie digitale – und können auch mit ihnen kombiniert werden. Der Blended-Learning-Ansatz etwa bietet Teilnehmern die Möglichkeit, Vorteile beider Formate zu nutzen.

Beim Technikkonzern Ricoh hat man sich beim Training der Führungskräfte bewusst für ein Blended-Learning-Konzept entschieden.

Qualifizierung für den Führungsnachwuchs

15 Standorte, rund 3000 Mitarbeiter: Ricoh ist groß in Deutschland, weit verstreut und investiert kontinuierlich in Nachwuchs. Alle vier Monate werden bis zu zehn Führungspositionen besetzt. Eine firmeninterne Akademie sorgt für die Qualifikation. „Wir hatten anfangs tatsächlich an Präsenzseminare gedacht“, sagt Nicole Bergmann, Referentin für Personalentwicklung bei Ricoh, die mit ihrer Kollegin Susann Bock (Trainerin für Führung und Vertrieb) das Projekt entwickelte. „Doch das hätte dann zwei Wochen Präsenztraining in unserer Hauptverwaltung in Hannover für alle Teilnehmer bedeutet. Zwei Wochen, in denen wir die Mitarbeiter komplett von ihren Teams wegholen.“ Die Teams sollen schließlich mit ihrer Führungskraft zusammenwachsen. So blieben am Ende nur zwei Trainingstage – und drei Monate intensive Lernzeit, in denen das Gelernte in der Praxis erprobt werden konnte.

Persönliche Betreuung und Flexibilität

Als Unternehmenswerte werden bei Ricoh „Wille zum Erfolg, Innovationsfähigkeit, Teamarbeit, Kundenorientierung und Ethik und Integrität“ genannt. Vermittelt werden sie beim obligatorischen Führungskräftetraining zur Hälfte mit digitalen, zur Hälfte mit Präsenzelementen, genauer mit:

  • einer eintägigen Auftaktveranstaltung, bei der gegenseitiges Vertrauen aufgebaut wird. „Dies ist eine echte Kick-off-Veranstaltung, bei der sich die Teilnehmer kennen lernen und der Umgang mit der Moodle-Lernplattform geübt wird“, erklärt Bergmann.
  • einem hunderttägigen Online-Kurs, den die Teilnehmer am Arbeitsplatz absolvieren. „Sie können die gestellten Aufgaben bearbeiten, wo und wann sie Zeit haben“, führt Bock weiter aus.
  • einer gemeinsamen Lernplattform, auf die die zwölf Lernaufgaben hochgeladen werden. Neben dem Kompetenzerwerb als Führungskraft dienen diese Aufgaben gleichzeitig der Vorbereitung auf Praxissituationen.
  • der Interaktion zwischen den Teilnehmern. Auch wenn alle die Aufgaben eigenständig bearbeiten, sollen sie qualifiziertes Feedback zu den Lösungen der Kollegen abgeben zur gemeinschaftlichen Verbesserung der Lernprodukte in der Gruppe. „Natürlich spielt ein gewisser Wettbewerbsgedanke eine Rolle. Jeder will der Beste sein, man motiviert sich gegenseitig“, sagt Bergmann. Als Gamification-Element können die Teilnehmer virtuelle „Orden“ (Badges) erwerben.
  • der persönlichen Moderation durch die Dozenten. Jeder Teilnehmer bekommt – bei einer Lerndauer von fünf Stunden pro Woche – eine persönliche Betreuung.
  • einer Abschlussveranstaltung, die wie der Auftakt face-to-face gemeinsam erlebt wird. Dabei sollen Lücken geschlossen und in der Gruppe weitere Aufgaben erarbeitet werden.
  • Einzelgesprächen mit den Trainern, bei denen die Teilnehmer ihren Erfolg und eventuellen Nachholbedarf reflektieren.

Positives Feedback der Teilnehmer

Laut Bergmann und Bock ist das Feedback der Teilnehmer und der Vorgesetzten „gänzlich positiv“. Als Vorteile nennen diese den kontinuierlichen Austausch, die freie Zeiteinteilung beim Lernen und die Integration der Aufgaben in den Führungsalltag. Ein sportlich-spielerisches Element gibt es zusätzlich: Zur höheren Motivation bilden sich bereits in der Auftaktveranstaltung sogenannte Lerntandems. Immer zwei Teilnehmer finden sich als Lernduo zusammen, um sich gegenseitig an die Aufgaben zu erinnern. Gemeinsam macht das Lernen mehr Spaß und gemeinsame Termine zum Lernen schaffen Verbindlichkeit.

Wichtig jedoch: Das Thema Datenschutz darf nicht außer Acht gelassen werden. „Wir haben das auch mit unserem Betriebsrat diskutiert. Nichts aus dem Training geht ins Unternehmen“, betont Bergmann. Jeder Teilnehmer könne sichergehen, dass seine Ergebnisse, sein Fortschritt oder sein Lernverhalten weder an seinen Vorgesetzten weitergegeben werden noch Eingang in seine Personalakte finden. „Wir wollen eine vertrauliche Umgebung beim Lernen schaffen.“

Skalierbarkeit und weniger Aufwand

Unterm Strich bringt das Blended-Learning-Konzept zahlreiche Vorteile. Laut Bergmann etwa, dass jeder Teilnehmer weitaus länger begleitet werde als bei einem zweiwöchigen Seminar. Die gemeinsame Reflexion und die tägliche Umsetzung im Joballtag brächten große Erfolge. „Und natürlich der weit geringere Aufwand. 14 Präsenztage bedeuteten einfach beträchtliche Reise- und Hotelkosten. Aber auch für die Teilnehmer bedeutet die Abwesenheit hohen Aufwand“, sagt Bergmann.   

Zusätzlich ist die Skalierbarkeit von Nutzen: Ist der Kurs einmal auf Moodle eingerichtet, kann jede Generation von Führungskräften den Kurs auf der Plattform absolvieren. Der Aufwand mit Präsenzseminaren wäre vergleichsweise viel höher – und würde auch viel Arbeitszeit kosten.

Für die Personalentwicklerin Bergmann sind die Einsatzmöglichkeiten von Blended Learning nicht auf das Thema Führungskräfte beschränkt: „Im Prinzip ist diese Methodik genauso für die Fortbildung bei einer Projekt- oder Fachlaufbahn ausweitbar. Man kann das unserer Erfahrung nach bei sehr vielen Lernaufgaben einsetzen.“

Profil

Susann Bock ist Trainerin für Führung und Vertrieb bei der RICOH DEUTSCHLAND GmbH. Sie entwickelt die Trainings für ihre Zielgruppe in der Regel selbst und setzt dabei verstärkt auf Blended-Learning-Ansätze.

Nicole Bergmann ist Referentin für Personalentwicklung bei der RICOH DEUTSCHLAND GmbH. Ihre Schwerpunkte liegen in der Führungskräfteentwicklung, dem Onboarding und dem Lernen mit neuen Medien.