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Weg vom Rechenschieber

Modernes Wissensmanagement

Die Digitalisierung verändert unseren Umgang mit dem Kapital Wissen – in den Unternehmen und auch in der beruflichen Weiterbildung.

Der Spickzettel, die Eselsbrücke und das Karteikärtchen – Relikte aus einer vergangenen Zeit. Während früher das im Gehirn verinnerlichte Wissen sprichwörtlich Macht bedeutete und der Abruf von Fakten aus dem Gedächtnis über einen Studienabschluss entschied, zeichnet sich mit der Digitalisierung eine gewaltige Veränderung im Wissensmanagement ab. Deutlich ist dies bereits in den Unternehmen und in der beruflichen Weiterbildung zu spüren. Etwa bei der Wissensspeicherung: Auswendiglernen hat eindeutig ausgedient. Datenbanken, Internetseiten und Google entlasten unser Gehirn. Entscheidend ist nun das Wissen, wie und wo man die richtigen Informationen zur richtigen Zeit abrufen und hinsichtlich ihrer Qualität bewerten kann.

Das Wissen soll in den Unternehmen bleiben

Wissensmanagement hat viele Aspekte, mit denen sich viele Firmen betriebswirtschaftlich schon länger auseinandersetzen. Denn: Wenn ein Unternehmen in einen Mitarbeiter investiert hat, möchte es davon auch profitieren. Selbstverständlich will man, dass das im Unternehmen generierte Wissen – wie etwa durch Forschung und Erprobung an Prototypen – im Unternehmen bleibt und der eigenen Wertschöpfung zugutekommt. Und nicht etwa zum Mitbewerber wandert, wenn der betreffende Mitarbeiter den Job wechselt. Daher kommen die Informationsstrukturen der digitalen Datenbanken und Netzsysteme, die das Wissenskapital nun firmenintern speichern und bei Bedarf und personenunabhängig abrufbar machen, den Firmen entgegen.

Auf den ersten Blick könnte man meinen: zum Nachteil des Mitarbeiters. Da er sein Wissen nicht mehr in diesem Maße vermarkten kann, bleibt ihm nur noch seine Kompetenz, damit umzugehen. Fraglich ist jedoch ohnehin die rechtliche Seite, inwieweit er überhaupt Eigentümer von Wissen ist, das er in seiner Arbeitszeit geschaffen hat. Im IT- und im Medienbereich, wo geistiges Kapital „erwirtschaftet“ wird, bestehen hier sehr klare vertragliche Regelungen: Nein, es gehört ihm nicht, sondern dem betreffenden Unternehmen.

Der Abruf von Wissen ist die Kompetenz der Zukunft

Gleichzeitig bedeutet modernes Wissensmanagement für den Mitarbeiter geistige Entlastung. So wie uns früher die Formelsammlung und der Taschenrechner die Arbeit erleichterten, kann er Wissen nun von Internetseiten, Datenbänken und Festplatten jederzeit abrufen – er muss nur wissen, wie und wo er am besten sucht. Letzteres ist die entscheidende Kompetenz im digitalen Zeitalter: Suche, Abruf und Anwendung von bestehendem Wissen. Spürbar ist dies in der beruflichen Weiterbildung: In vielen E-Learnings geht es nicht mehr um Wissenserwerb, sondern um den Umgang damit.

„Früher war vielleicht die Wissensmenge des Einzelnen entscheidend. Heute ist es eher Prozess- und Erfahrungswissen, mit dem man punkten kann und zum Beispiel die Fähigkeit, verschiedene Informationen schnell zu verbinden und daraus etwas Neues zu schaffen“, sagt Anne Dreyer von TÜV SÜD. Das bedeutet: schneller und effektiver arbeiten. Visionär gesehen auch durch eine Art von Schwarmintelligenz: Viele Mitarbeiter arbeiten an einem Projekt, der Wissensgewinn ist allen zugänglich und sorgt für mehr „Inspiration“. Vergleichbar mit einem Körper, der nicht mehr in jeder Zelle eine spezifische Information trägt, sondern in einem zentralen Gehirn alle Informationen abrufbar macht.

Dreyer sieht jedoch keine Gefahr, dass wir in unserer Arbeitswelt zu reinen „Verarbeitungsameisen“ mutieren. „Wir speichern ja weiterhin Dinge in unseren Köpfen. Dinge, die wir täglich benötigen, mit denen wir täglich arbeiten, die wissen wir auch. Wir haben die Prozesse verinnerlicht und automatisiert, das dazu nötige Wissen gespeichert. Kommt jedoch ein ungewöhnlicher Fall oder eine Situation, die nur selten auftritt, greifen wir häufig auf gespeichertes Wissen zurück.“ Früher habe man sich die fehlenden Informationen aus einem Buch herausgesucht oder habe einen Experten gefragt. „Heute geht das wesentlich schneller, weil in der Regel eine Suchmaschine innerhalb von Sekunden die passenden Auskünfte ausspuckt.“

Dennoch sieht Dreyer solchen Gedächtniszentralismus nicht unkritisch – aber eher im privaten Bereich. Wie beim Thema Navigationssystem: „Wir machen uns tatsächlich abhängig. Kaum jemand findet sich ohne Google Maps in einer unbekannten Stadt noch zurecht. Viele können keine klassischen Landkarten gar mehr lesen.“ Genauso falle vielen Studierenden heute die klassische Literaturrecherche schwer, oder auch simples Basiswissen wie Kopfrechnen.

Wissensdiebstahl im Netz wird zur Bedrohung

Die Unternehmen sind sich der Gefahren durch eine solche Abhängigkeit durchaus bewusst. Gerade in puncto Cyberkriminalität wird heute immer mehr in IT-Sicherheit investiert – was interessanterweise wieder neue Mitarbeiter mit einem sehr hohen Wissenstand erfordert. Der Diebstahl im Netz und die Blockade von unternehmerischem Wissen: ein großes Thema für die Wirtschaftsdetektive der Zukunft.

Gleichzeitig wird die Verifizierbarkeit von Wissen zu einer Herausforderung. So wie Fakten in der medialen Welt von „Fakes“ manchmal nur schwer unterscheidbar sind, wird Wissen, dessen Verwaltung an den Computer abgetreten wird, zu einem möglichen Risiko der Manipulation. Hier hat Dreyer jedoch weniger Sorge: Gerade die Schwarmintelligenz und das Engagement von vielen treten dem entgegen. „Das Wikipedia-System zeigt ja recht gut, dass es gar nicht so einfach ist, dort Unwahrheiten zu produzieren, da es festgelegte Autoren-, Revisoren- und Freigabeprozesse gibt.“ Für sie dagegen eher ein Schwachpunkt: „An anderer Stelle ist eher das Problem, dass im Internet quasi kaum mehr eine Information gelöscht werden kann. Egal ob wahr oder falsch. Und egal, ob sie nicht zwischenzeitlich schon längst veraltet und überholt ist.“

Dennoch wäre es falsch, sich mit einem Nostalgiegedanken dem modernen Wissensmanagement zu verweigern: Zu groß sind die Vorteile. Und viele Weiterbildungen zielen heute nicht mehr auf eine reine Vermittlung von Faktenwissen, sondern bringen den Teilnehmern eher Methoden und das korrekte Vorgehen bei. Sie sind stärker auf den Kompetenzerwerb ausgerichtet, auf das Befähigen zu eigenständigem Handeln und Entscheiden.

Das steigert natürlich auch den Marktwert des Mitarbeiters: Seine Kompetenz ist künftig mehr im konstruktiven und kreativen Denken als im sturen Pauken angesiedelt. Zurück zum Rechenschieber will schließlich niemand mehr.